Freitag, 18. Februar 2011

Ein Hauch der 70er - "Football" am Neujahrstag

85live-Redakteur Olli war über Silvester in England unterwegs. Hier Teil II seines Berichts aus dem Mutterland des Fussballs

Man stelle sich Folgendes vor. Am Neujahrstag die Buffer schnüren und dann bei 4 Grad und Nieselregen 90 Minuten über einen schön rutschigen Rasen rennen – beim Gedanken daran rümpfen die meisten Aktiven wohl die Nase. Denn im Umkehrschluss bedeutet das: Anstatt drei nur ein Glas Champagner zu Mitternacht – und Durchmachen is da auch nich drin (jedenfalls sollte es nicht :-)

Wer nun denkt, den Jungs könnte man das nicht antun, der täuscht sich gewaltig. Denn auf den Britischen Inseln wird nicht nur am 2.Weihnachtstag gespielt - auch Fusball am Neujahrstag ist hier eine liebgewonnen Tradition. Und das quer durch alle Ligen, von der Premier League bis runter in die Amateurligen.Für den Fussballfan ist das natürlich was richtig Feines, denn sonst ist der Neujahrstag ja eigentlich der Gammeltag des Jahres schlechthin und man weiß nie so recht, was man damit anfangen soll. Auf diese Wiese startet der Fan dagegen stilgerecht ins Neue Jahr – mit Fusball natürlich! Und dieses Glück habe ich am 1.Januar dieses Jahres. Auf dem Katerfrühstück-Tablett wird serviert: Ebbsfleet United gegen Lewes FC, 6.Liga.

Apropos Frühstück. Vor der Partie gibt’s erstmal ein echtes „English Breakfast“ - und zwar in einem sympatischen Imbiss mitten in der Innenstadt von Gravesend. Man muss sich ja schließlich stärken! Die 52.000 Einwohner Stadt liegt östlich von London an der Themse und genauso nett wie das Frühstück (Schinkenspeck, roten Bohnen, Würstchen, Ei – das komplette Programm eben) ist auch das Stadtzentrum. Zwar nicht der große touristische Leckerbissen, aber dafür sehr geschäftig und freundlich. Bekannt ist Gravesend durch eine Inidanerprinzessin geworden. Denn 1617 starb hier Pocahontas, auf ihrer Rückreise aus London. Eine Statue vor der Kirche hält sie in Ehren.

Gravesend galt außerdem lange Zeit als Pub-Hauptstadt Englands und noch heute sind hier einige nette Kneipen zu finden :-).

Ein Aushängeschild der Stadt ist, wie in vielen anderen Städten Englands auch, der lokale Fussballverein, der Ebbsfleet United Football Club. Letzten Sommer stieg man unglücklich ab, in die „Blue Square Bet South“ League, der 6.Liga. (In England hat fast jede Liga einen Namenssponsor, daher auch die sperrigen Namen), Die Erinnerung an einen der größten Erfolge der Vereinsgeschichte ist bei vielen Fans aber immernoch ganz frisch: 2008 holte „The Fleet“ vor über 40.000 Fans im Wembley Stadion die FA Trophy, den Pokal für alle Vereine aus der 5. bis zur 8.Liga. Einen Tag nach dem Triumph tourte das Team auf einem Doppeldeckebus. Hier der Bericht von Sky-Sports zum Finale

durch die von tausenden Fans gesäumten Straßen der Stadt – echter Lokalpatriotismus eben, so muss das sein!

Über die Grenzen Englands hinaus bekannt wurde Ebbsfleet allerdings über das Internet. 2008 wurde der Club von der Internetcommunity „MyFootballClub.co.uk“ übernommen. Die Mitglieder der Community durften dabei übers Web abstimmen, wer z.B. aufgestellt werden soll oder wie die Transferpolitik aussehen soll. Die rund 50 Euro Mitgliedsbeitrag per annum flossen dabei direkt in den Verein, wodurch bis zu 1 Million Euro zusammen kam, bei 32.000 Mitgliedern. Doch zwei Jahre später scheint es, als ob dieses revolutionäre Modell gescheitert ist. Nur noch 3.500 Fans sind im Internet angemeldet und die Wahlrechte wurden eingeschränkt, die Einflussnahme gestutzt. Kurze Zeit stand sogar der ganze Verein vor dem Aus. Aber das ist jetzt fast vergessen. Und das darf es auch, denn die Mannschaft von Manager Liam Daish spielt seit Wochen ganz groß auf und hat beste Chancen, in die Play-Offs zu kommen, den direkten Wiederaufstieg vor Augen.

Und dementsprechend groß ist der Andrang an diesem Samstagnachmittag, kurz vor 15 Uhr. Da die Uhrzeit in England ja eine Stunde zurück ist, läuft das Flutlicht schon jetzt auf Hochtouren und strahlt auf das Stadion und die daneben verlaufene Straße. Und was da in den vier großen Lichtkegeln zu sehen ist, lässt einem Fussballfan das Herz aufgehen. Stonebridge Road ist nämlich ein richtig schönes, traditionelles englisches Stadion, wie es im Bilderbuch steht. Gucken wir also mal rein, ins Schmuckkästchen:

Beim Betreten des Stadions, muss ich mich erstmal durch das enge Drehkreuz zwängen, die Karte kostet übrigens rund 6 Euro. Nachdem das geschafft ist, gibt’s eine Stadionzeitung für die heimische Sammlung (für fast 3 Euro) und dann gehts ab ins Clubheim, dass sehr gut gefüllt ist. Dort gibt’s zu meiner Überraschung Bier zu erwerben und das obwohl der Gerstensaft seit Hillsborough in englischen Stadien „not allowed“ ist. Ein netter Ebbsfleet-Fan klärt mich auf: Auf die Tribünen darf man sein Pint nämlich nicht mitnehmen. Wier schnacken noch n bisschen und ich drücke ihm ein Elstern-Button in die Hand – als Dank für die Gastfreundschaft. Ach ja, und das Bier muss ich natürlich noch schnell austrinken, denn die Partie geht gleich los

Ich entscheide mich für die Gegengerade, eine wundervolle Stehtribüne („terrace“), die von einer alten, mächtigen Giebeldachkonstruktion bedeckt wird, an dessen rot

gestrichenen Pfeilern schon der Rost nagt. Auch die Haupttribüne auf der anderen Seite, sowie die Hintertortribüne auf der rechten Seite haben so ein unverwechselbares Giebeldach. Früher gabs das in fast jedem Stadion in England – heute sind sie Raritäten, denn in England werden immer mehr neue „Baukastenstadien“ gebaut. Auch Ebbsfleet hatte Planungen für ein neues Stadion in der Schublade, die aber zum Glück ad acta gelegt wurden. Das besondere an diesen Giebeldachtribünen ist die Stimmung, denn unter diesen aufwendigen Konstruktionen halt es mächtig. Unter so einem Dach, natürlich nur ein Tick größer, ist damals auch der Mythos von Liverpools berühmter Fantribüne „The Kop“ entstanden.

Ebbsfleet, in rot-weiß, beginnt stark gegen den abstiegsbedrohten Gast aus Lewes. Tolle Kombinationen, extrem schnell.

Besonders die Nummern 9 und 12 habens richtig drauf. Und auch wenns keiner so richtig sagen möchte – die meisten Spieler sind wohl Profis. Anders kann man sich dieses hohe Nievau nicht erklären. Trotzdem werden beste Chancen ausgelassen – und demenstrechend häufig geht ein Raunen durchs Dach.

Nach einer halben Stunde fängt es an zu nieseln. Das Flutlicht spiegelt sich auf der

nasse, unüberdachten Stehtribüne links von mir, wo sich ganze 3 Gästefans verirrt haben. Im Hintergrund sind Hochspannungsmasten zu sehen, und Schornsteine, an denen rote Lämpchen flackern. Die mächtige Themse, an deren Ufern sich große Fabrikanlagen zur Versorgung der Metropole London anreihen, ist einen Katzensprung entfernt. Morbider industrieller Charme und mitten drin der alt ehrwürdige Stonebridge Road Football Ground – ich fühle mich glatt in die 70er zurückversetzt. Fehlen nur noch die selbst gestrickten Balkenschals. Die sind hier aus der Mode, denn Ebbsfleet hat einen geräumigen Fanshop.

Unverändertes Bild im zweiten Durchgang. „The Fleet“ drückt, Lewes verteidgt mit Mann und Maus. Auch der Support von der Hintertortribüne will da nicht helfen. Es sind leider die einzigen Fangesänge, wobei es bestimmt immernoch mehr ist als bei Chelsea oder Arsenal. „Meine“ Tribüne hat dagegen den Schiedsrichter, „The Ref“ ins Visier genommen :-).

Und alle fragen sich: Mensch, wann geht da endlich mal einer rein. Wie üblich in England, ist man auch hier ganz nah am Spielfeldrand, ohne Gitterzaun oder nervige Fangnetze. Umso intensiver verfolgt man die Partie – und zittert mit. Als sich alle schon mit einem torlosen Unentschieden abgefunden haben, zappelt die Kugel plötzlich im Netz – Siegtreffer für Ebbsfleet in letzter Minute, der Jubel der 1200 Fans steigt hoch, in den Giebel der Tribüne. Und hoffentlich tut er das auch am Ende der Saison. Dieser sympatische Club hätte es verdient. Besonders freuen über einen Aufstieg würde sich bestimmt der Zeugwart. Denn, wie ich später bei der Lektüre der Stadionzeitung „Ffleet life“ erfahre, ist „Kitman“ Rob ein Teenager und geht noch zur Schule. Er opfert seine ganze Freizeit, um die Trikots von „The Fleet“ zu waschen, selbst am Neujahrstag....

Da dieser Bericht etwas länger geworden ist als gedacht, gibt’s in Kürze noch einen Nachschlag - den dritten Teil. Dann geht’s zum Derby nach Ramsgate und iauf den Rasen von West Ham United

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