Montag, 24. Januar 2011

Zwei Stadien, drei Buttons und gaaanz viele rote Busse

Ein Bericht aus dem Mutterland des für Liebhaber des - trotzdem drehts sich nicht "nur" um Fussball. Part I
Da steh ich nun, mit meinem schwarzen Rollkoffer in der Hand, vor einer Bahnstation irgendwo im Nordosten von London, um 10 Uhr 30 vormittags. Es nieselt – was anderes hatte ich auch nicht erwartet. Ein bisschen fühle ich mich wie Emil Tischbein, der Hauptprotagonist in Kästners „Emil und die Detektive“, wie er ganz alleine am Bahnhof Berlin-Zoo ankam und nicht wusste, wies weitergeht....

Die englische Computerstimme im Zug hatte in ihrer monotonen Art angesagt, dass man diesmal auch in „Tottenham Hale“ halten würde. Tottenham? Bei dem Namen muss bei jedem Fussbalfan auf der Wlelt das Herz höher schlagen. Also kramte ich meinen doch schon sehr in die Jahre gekommenen Stadtplan hervor und suchte die berühmte „White Hart Lane“ - und beschloss anstatt in die Londoner City zu fahren, den Spurs mal einen Besuch abzustatten. Man hat ja sonst nix zu tun.....

An der Haltestelle wurde mir dann erst richtig bewusst, dass ich in England angekommen bin. 8 Pfund, umgerechnet rund 9 Euro, wollte die Dame am Ticketschalter für die Tageskarte haben – so teuer ist U-Bahn fahren in keiner anderen Stadt Europas. Aber was tut man nicht alles für die Fussballleidenschaft.

Zum Stadion muss ich einen der roten Doppeldeckerbusse nehmen. Nur dummerweise stehen da so viele herum, dass man(n) leicht den Überblick verliert. Eine nette Dame rät mir, zur Hauptstraße, der „High Street“ zu gehen. Gut, machen wa. Allerdings entpuppt sich dieses Unterfangen als ein recht langer Fußmarsch. Und es nieselt weiter....

Endlich, die Bushaltestelle kommt in Sich und bald auch: The Home of the Spurs! Wie ein Fabrikgebäude ragt die graue Fassade hinter den vielen kleinen, teils stark verfallenen, Reihenhäusern hevor und macht den Eindruck als würde sie diese fast erdrücken. Das hat schon was.... An der Haltestelle „Tottenham Football Club“ steige ich logischerweise aus und mache gleich mal einen Rundgang um das Stadion. Und auch aus näherer Betrachtung sieht der Bau eher wie eine Konkurs gegangene Fabrik im Ruhrpott aus. Große blaue Eingangstore wohin das Auge blickt, wenig Webung, aber auch fast keine Menschenseele zu sehen. Und die, die man sieht, sind auch nicht grad sehr kontaktfreudig. Nur durch ein Gitter kann ich einen kleinen Blick ins Innere, auf eine Tribüne, werfen. Mehr is nicht. Den sicherlich sehr schönen englischen Rasen muss ich mir wohl oder übel selbst dazudenken.

Aber das Glück ist mir trotzdem hold. Der Club Shop hat grad aufgemacht und ich kann mir den nächsten Wimpel für meine Sammlung besorgen.

Vielleicht liegts auch am Wetter aber irgendwie gefällt es mir hier nicht so. Alles wirkt grau, wie verlassen, ohne Herz und Stolz – ein Attribut, das eigentlich jedem Fussballverein in England zuzuschreiben und anzusehen ist. Aber was mir noch viel stärker auffällt: Der Kontrast zwischen arm und reich. Denn die Leute, die in den fast zerfallenen kleinen Reihenhäusern wohnen, können sich wohl kaum eine Karte für ein Spurs-Spiel leisten. Selbst dann nicht, wenn sie direkt neben dem Stadion, also in der Straße „White Hart Lane“ leben....die reinste Ironie und gleichzeitig traurige Realität im englischen Spitzenfussball....Also nix wie aufn Doppeldeckerbus gehüpft und rein in die Innenstadt kutschiert werden. Denn von oben hat man die schönste Sicht überhaupt. Einfach den Blick schweifen lassen und entspannt das Verkehrschaos verfolgen – wann gibt’s das schon mal.

Am Nachmittag entscheide ich mich noch für einen Trip in den Stadtteil Notting Hill, bekannt durch die gleichnamige Komödie. Wie überall in London, laufen auch hier Massen an italienischen Touristen rum. Auch wenn sie hier natürlich keine Sonnenbrille tragen müssen, erkennt man sie recht schnell. Außerdem können unsere Freunde vom Stiefel reden, reden wie ein Buch.Trotz der Touristenschwärme hat Notting Hill dennoch ein paar nette, teils auch alternative Läden. Und in einem dieser Läden gibt es ab sofort sogar die trendigen schwarz-weißen 85-Buttons zu erwerben. Viel Spaß beim Suchen (es sind insgesamt drei versteckt - glaube ich zumindest!)

Tja, die 85-Buttons sind sehr begehrt. Wer noch keinen hat, der fährt entweder nach London, oder kommt beim nächsten Heimspiel zum Elstern-Fanshop in die Kurve. Dort gibts noch welche für nur 85 Cent !

Der nächste Tag:

Eigentlich war für heute keine Aktivität in Sachen Football angesagt. Aber das Schicksal wollte es anders....beziehungsweise das wirklich verwirrende Londoner Bussystem. Echt, was da an roten Bussen rumfährt ist schon heftig und für einen Touristen sehr schwer zu durchschauen. Es gibt sage und schreibe rund 700 verschiedene Busrouten und 19.000 Haltestellen. Eigentlich will ich in das nördlich der Innenstadt gelegene Hempstead Heath fahren, eine reiche Gegend, die einen sehr dörflichen Charakter haben und schöne Ausblicke bieten soll. Aber, im Gewühl des morgendlichen Verkehrs nehme ich – wie sollte es anders sein - den falschen Bus. Und zwar geradewegs in die entgegengesetzte Richtung – nach Süden. Gut, denke ich, wenns so sein soll, dann solls halt so sein.Der nächstgelegene Fussballclub südlich der Themse ist Millwall FC. Der Zweitligist ist berühmt berüchtigt für seine Hooligans. In den 80ern waren sie überall gefürchtet und lieferten sich grausame Schlachten mit fast allen anderen Hooligan-Szenen, besonders aber mit dem „Firm“ von West Ham United.

Und schon der Weg zum Stadion weckt etwas zwiespältige Gefühle. Mal wieder den falschen Bus genommen (war aber diesmal nicht meine Schuld, eine Oma hat mich genötigt anstatt in die 1 in die 181 einzusteigen....), muss ich einen Umweg in Kauf nehmen. Und der führt mich vorbei an kleinen, schäbigen Wirtschaftsbetrieben – die meisten verkaufen Autoreifen – vorbei, sowie an einer Müllverbrennungsanlage im Nirgendwo zwischen Bahndämmen und dunklen Unterführungen. Es erinnert mich etwas ans Gleisdreieck in Bahrenfeld. Da ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wie kahlköpfige, schwarz gekleideten „Fans“ plötzclich um hinter dem Brückenpfeiler hervorstürmen und sich gegenseitig die Köpfe einschlagen. Zum Glück lauert mir heute aber keiner auf. Und durch die eine Eisenbahnunterführung ist das Stadion endlich zu sehen – wird aber auch Zeit!

Früher spielte der Millwall FC in „The Den“ - der Löwenhöhle - ein Stadion mit riesen Stehplatztraversen und großerartiger Stimmung. Aber leider gabs auch bei fast jedem Heimspiel einen Platzsturm der „Fans“. Nach den tragischen Vorkommnissen von Hillsborough musste Millwall, genauso wie alle anderen Vereine auch neue Sicherheitsauflagen erhüllen. Das bedeutete vor allem: Reine Sitzplatzstadien. Man baute daraufhin ein komplett neues Staidon, mit einer Kapazität von rund 20.000, behielt allerdings den Angst einlflößenden Namen. 1993 wurde es fertig gestellt und genaus

o sieht es auch aus. Euphemistisch könnte man das den Scharm der 90ern nennen. Alles sehr schmuck- und schnörkellos und jede der vier Tribünen sieht gleich aus. Immerhin, mit dem Bau des neuen Stadions hat sich anscheinend auch das Verhalten der Fans geändert. Jedenfalls werde ich trotz 85-Schal um den Hals nicht verprügelt. Ganz im Gegenteil: Die Leute – sie stehen gerade für Tickets an, das Lokalderby in der 2.Liga gegen Chrystal Palace wirft seine Schatten voraus – gucken sehr interessiert. Nur leider lassen sie mich auch hier nicht rein ins Stadion, selbst Betteln an der Stadionrezeption (sieht aus wie im Hotel) bleibt erfolglos. Also, Wimpel gekauft und weiter. Millwall ist schon ein seltsamer Ort, aber durch seine leicht einschüchternde Lage im Stadtteil Bermondsey, umgeben von Industrie und Brachland ist es absolut etwas Besonderes. Und irgendwie sympatischer als Tottenham...und billiger! Vom vielen Stadion-Gucken tuen mir jetzt aber nicht nur die Füße weh, sondern auch der Magen meldet sich zu Wort. Also geht’s jetzt erstmal zu „Manze“. In diesem urigen Imbiss in der London Bridge Road, war ich schon einmal und warum? Weils hier das traditionelle Londoner Arbeitermenü „Pie and Mash“ gibt, also Kartoffelbrei mit Pastete (da is Fleisch drin). Das ganze schwimmt ganz unaufgeregt in Petersiliensoße und schmeckt besser als es aussieht :-)

Würde es Pie and Mash auch im 85-Clubhiem geben oder zum Beispiel am Freitag als Erasatz für den Grünkohl (Freitag ist das traditionelle Grünohlessen des Freundeskreis Elsternfreunde) - ich wäre der beste Abnehmer. Also Kati, hau rein! :-)

Teil zwei meiner Neujahrstour nach England gibt’s demnächst „here“

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